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Gibt es ein Zuviel an Wertschätzung?

  • Autorenbild: Katja Ngassa Djomo
    Katja Ngassa Djomo
  • 26. Jan. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Jan. 2025

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Rückmeldung, die mich nachhaltig beschäftigt: Ich sei manchmal zu wertschätzend im Umgang mit anderen. 


Huch, dachte ich. Ist Wertschätzung nicht ein Grundbedürfnis und kommt immer gut an? Carl Rogers betont doch, dass positive Wertschätzung – bedingungslos oder gezielt – ein zentraler Faktor für persönliches Wachstum und Selbstwirksamkeit ist. Gibt es da ein Zuviel von? Ich kam ins Nachdenken...


Hat das Konzept der Selbstkongruenz vielleicht mit der Rückmeldung zu tun? Menschen fühlen sich dann gestärkt, wenn die erlebte Anerkennung von außen mit dem inneren Selbstbild übereinstimmt. Nimmt jemand an sich selbst (noch) nicht wahr, was von mir wertgeschätzt wird, könnte das zu kognitiver Dissonanz führen. Und Verunsicherung oder sogar Widerstand auslösen.


In Systemen wie der Arbeitswelt wird Wertschätzung außerdem nicht nur individuell wahrgenommen, sondern auch in Bezug auf die bestehenden (Macht-)Strukturen interpretiert. Die Rückmeldung, ich sei „zu wertschätzend“, könnte also eine systemische Dynamik widerspiegeln: Wirke ich „entgrenzend“, weil mein Umgang eher auf Augenhöhe und weniger auf Hierarchie fokussiert ist? In organisationalen Kontexten, die durch traditionelle Machtstrukturen geprägt sind, kann das wohl ungewohnt oder irritierend sein. Auch eine Erwartungshaltung könnte hineinprojiziert werden: Erwarte ich vielleicht, dass der andere ebenso viel Wertschätzung zurückgibt – was vielleicht nicht möglich oder gewünscht ist?


Als systemische Beraterin und Personalentwicklerin sehe ich Wertschätzung als Haltung, die Beziehungen stärkt und das Potenzial von Menschen entfalten kann. Doch diese Rückmeldung fordert mich heraus, differenzierter hinzuschauen:


Handele ich mit meiner Wertschätzung manchmal eher aus meinem eigenen Wunsch heraus - weil ich die positiven Effekte selbst so stark erlebe? Welche Rolle spielt meine Sozialisation? Meine Perspektive und mein Ansatz werden durch mein Arbeitsumfeld und meine persönlichen Überzeugungen geprägt. Andere sind anders sozialisiert sein und könnten erlebte Wertschätzung dann als ungewohnt oder übergriffig empfinden?


Manchmal kann Wertschätzung womöglich ihr Ziel verfehlen. Sie könnte sogar als „zu viel“ empfunden werden, wenn sie:


  • nicht authentisch wirkt,

  • nicht zum Gegenüber passt oder

  • nicht in den situativen Kontext eingebettet ist.


Klar ist für mich, dass wir nicht weniger wertschätzen sollten - im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, dass die Welt viel mehr Wertschätzung braucht. Vielmehr braucht es Feinabstimmung – einen achtsamen Blick darauf, was der andere gerade wirklich braucht und wie meine Worte oder Gesten wirken.


💡 Wertschätzung ist keine Einbahnstraße, sondern ein Dialog, in dem Resonanz entsteht. Sie ist eine Einladung zur Begegnung – und sie erfordert, dass wir nicht nur aus unserer eigenen Haltung heraus handeln, sondern auch das Gegenüber und den Kontext einfühlsam berücksichtigen.


Foto von J. Henning



 
 
 

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